Tracts and Manifestos
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    banner: (detail) Asger Jorn, Vive la révolution pasioné de l’intelligence créative, 1968 [Ceuleers & Van de Velde Booksellers, Antwerp]

Manifest

    1. Es gibt heute eine zukunftsträchtige, künstlerische Aufrüstung im Gegensatz zur moralischen Aufrüstung. Europa steht vor einer groBen Revolution, var einem einzigartigen kulturellen Putsch.
    2. Die Kunst ist die letzte Domäne der Freiheit und wird sie mit allen Mitteln verteidigen.
    3. Wir wagen es, unsere Stimme gegen den ungeheuren KoioB des technisierten Apparates zu erheben. Wir sind gegen das folgerichtige Denken, das zur kulturellen Verödung geführt hat. Das automatische funktionelle Denken hat zur sturen Gedankenlosigkeit geführt, zum Akademismus, zur Atombombe.
    4. Die Erneuerung der Welt, jenseits van Demokratie und Kommunismus, kommt nur durch die Erneuerung des Individualismus, nicht durch das kollektive Denken.
    5. Wer Kultur schaffen will, muB Kultur zerstören.
    6. Begriffe wie: Kultur, Wahrheit, Ewigkeit interessieren uns Künstler nicht, wir müssen unser Leben fristen. Die materielle und geistige Situation der Kunst ist so trostlos, daB man van den Malern nicht verlangen kann, daB sie verbindlich malen. Verbindlich malen sollen die Arrivierten.
    7. Grundlagenforschung ist rein wissenschaftlich und angewandte Forschung ist rein technisch. Die künstlerische Forschung ist frei und hat mit Wissenschaft und Technik nichts zu tun. Wir sind dagegen, daß man heute die Kunst verwissenschaftlichen will und sie zu einem Instrument der technischen Verblödung machen will. Kunst beruht auf einem Instinkt, auf den schöpferischen Urkräften. Diese wilden ungebundenen Kräfte drängen zum Ärger aller intellektuellen Spekulanten stets zu neuen unerwarteten Formen.
    8. Kunst ist ein dröhnender Gongschlag, sein Nachklang ist das Geschrei der Epigonen, das im Ieeren Raum verhallt. Die Übertragung ins Technische tötet die künstlerische Potenz.
    9. Kunst hat mit Wahrheit nichts zu tun. Das Wahre liegt zwischen den Dingen. Wer objektiv sein will, ist einseitig, wer einseitig ist, ist pedantisch und langweilig.
    10. Wir sind umfassend.
    11. Es ist alles vorbei, die müde Generation, die zornige. Jetzt ist die kitschige Generation an der Reihe. WIR FORDERN DEN KITSCH, DEN DRECK, DEN URSCHLAMM, DIE WÜSTE. Die Kunst ist der Misthaufen, auf dem der Kitsch wächst. Kitsch ist die Tochter der Kunst, die Tochter ist jung und duftet, die Mutter ist ein uraltes stinkendes Weib. Wir wollen nur eins: Den Kitsch verbreiten.
    12. Wir fordern den IRRTUM. Die Konstruktivisten und die Kommunisten haben den Irrtum abgeschafft und leben in der ewigen Wahrheit. Wir sind gegen die Wahrheit, gegen das Glück, gegen die Zufriedenheit, gegen das gute Gewissen, gegen den fetten Bauch, gegen die HARMONIE. Der Irrtum ist die herrlichste Fähigkeit des Menschen! Wozu ist der Mensch da? Den vergangenen ihm nicht mehr gemäBen Irrtümern einen neuen Irrtum hinzuzufügen.
    13. Statt eines abstrakten Idealismus fordern wir einen ehrlichen Nihilismus. Die gröBten Verbrechen der Menschheit werden unter dem Namen Wahrheit, Ehrlichkeit, Fortschritt, bessere Zukunft begangen.
    14. Die abstrakte Malerei ist leerer Ästhetizismus geworden, ein Tummelplatz für Denkfaule, die einen bequemen Vorwand suchen, längst vergangene Wahrheiten wiederzukäuen.
    15. Die abstrakte Malerei ist ein HUNDERTFACH ABGELUTSCHTER KAUGUMMI, der unter der Tischkante klebt. Heute versuchen die Konstruktivisten und die Strukturmaler, die- sen längst verdorrten Kaugummi noch einmal abzuschlecken.
    16. Durch die Abstraktion ist der vierdimensionale Raum selbstverständlich geworden. Die Malerei der Zukunft wird POLYDIMENSIONAL sein. Unendliche Dimensionen stehen uns bevor.
    17. Die Kunsthistoriker machen aus jeder notwendigen geistigen Revolution ein intellektuelles Tischgespräch. Wir werden der OBJEKTIVEN UNVERBINDLICHKEIT EINE MILITANTE DIKTATUR DES GEISTES ENTGEGENSETZEN.
    18. Wir können nichts dafür, daß wir gut malen. Wir bemühen uns auch noch in diesem Sinn. Wir sind arrogant und exzentrisch. Wir spotten jeder Beschreibung.
    19. WIR SIND DIE DRITTE TACHISTISCHE WELLE.
      WIR SIND DIE DRITTE DADAISTISCHE WELLE.
      WIR SIND DIE DRITTE FUTURISTISCHE WELLE.
      WIR SIND DIE DRITTE SURREALISTISCHE WELLE.
    20. WIR SIND DIE DRITTE WELLE. Wir sind ein Meer von Wellen (SITUATIONISMUS).
    21. Die Welt kann nur durch uns enttrümmert werden. WIR SIND DIE MALER DER ZUKUNFT!
    22. GRUPPE SPUR:
      H.Prem / H.P.Zimmer / E.Eisch / H.Sturm / L.Fischer / A.Jorn / D.Rempt / G.Britt / G.Stadler


  • BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
    Manifest November 1958 (Gruppe Spur : München 1958) 1 fol. (29,8 x 20,8 cm.). Reprinted in Die Zeitschrift Spur (München 1962), in Gruppe Spur 1958-1965. Eine Dokumentation (München 1979) 47 and in Ein kultureller Putsch. Manifeste, Pamphlete und Provokationen der Gruppe SPUR. Kleine Bücherei für Hand und Kopf; 30 (Hamburg 1991) 13-16. Translated in English on the site of NotBored.
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