Tracts and Manifestos
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banner: (detail) Asger Jorn, Vive la révolution pasioné de l’intelligence créative, 1968 [Ceuleers & Van de Velde Booksellers, Antwerp]
Avantgarde ist unerwünscht!
- Die heutige Avantgarde, die nicht geltende Mystifikationen wiederholt, ist gesellschaftlich unterdrückt. Die Bewegung, die van der Gesellschaft erwünscht ist, kann van ihr gekauft werden: das ist die Pseudoavantgarde. Wer neue Werte schafft, dem erscheint das heutige Leben als Illusion und Fragment. Wenn die Avantgarde die Frage nach der Bedeutung des Lebens stellt, aber, unzufrieden damit, ihre Folgerungen verwirklichen will, sieht sie sich van allen Möglichkeiten abgeschnitten und van der Gesellschaft abgekapselt.
- Die ästhetischen Abfälle der Avantgarde wie Bilder, Filme, Gedichte usw. sind bereits erwünscht und wirkungslos; unerwünscht ist das Programm der völligen Neugestaltung der Lebensbedingungen, das die Gesellschaft in ihren Grundlagen verändert.
Nachdem man die Produkte der Avantgarde ästhetisch neutralisiert auf den Markt gebracht hat, wijl man nun ihre Forderungen, die nach wie vor auf eine Verwirklichung im gesamten Bereich des Lebens abzielen, aufteilen, zerreden und auf tote Gleise abschieben. Im Namen der früheren und jetzigen Avantgarde und aller vereinzelten, unzufriedenen Künstler protestieren wir gegen diese kulturelle Leichenfledderei und rufen alle schöpferischen Kräfte zum Boykott solcher Diskussionen auf.
- Die moderne Kunst ist substanzlos, sie besitzt keinerlei Kraft, die sich den Beschlüssen der Avantgarde wirklich widersetzen könnte.
Wir, die neue Werte schaffen, werden van den Hütern der Kultur nicht mehr lauthals bekämpft, sondern auf spezialisierte Bereiche festgelegt, und unsere Forderungen werden lächerlich gemacht.
Darin sollen die Künstler die Rolle der früheren Hofnarren übernehmen, von der Gesellschaft bezahlt, ihr eine bestimmte kulturelle Freiheit vorzuspiegeln. Der gesellschaftliche Dünkel will der Avantgarde ein Niveau vorschreiben, das sie nicht verlassen darf, wenn sie gesellschaftsfähig bleiben will.
Die Existenz des Künstlers ist das Ferment zur Metamorphose unserer absterbenden europäischen Kultur, einem Prozeß, der nicht aufzuhalten, sondern zu beschleunigen ist.
- Die europäische Kultur ist ein krankes, altes, schwangeres Weib, das sterben wird. Sollen wir den absolut aussichtslosen Versuch unternehmen, die Mutter zu retten - oder soll das Kind leben? - Die Restaurativen wollen noch die Mutter retten - und töten damit auch das Kind. Die Avantgarde hat sich entschieden: die Mutter muß sterben, damit das Kind leben kann!
Die Avantgarde van gestern ist comme il faut. Die künstlerische Linksfront ist heute ein Wahrheitsproblem: "Eine Wahrheit wird nur 10 Jahre alt". (Ibsen)
Künstler und Intellektuelle: unterstützt die situationistische Bewegung, denn sie jagt keinen Utopien nach, sondern ist die einzige Bewegung, die den gegenwärtigen kulturellen Zustand aufhebt.
Die Aufgabe der Avantgarde besteht einzig und allein darin, ihre Anerkennung zu erzwingen, ehe ihre Disziplin und ihr Programm verwässert worden sind. Das ist es, was die Situationistische Internationale zu tun gedenkt.
- Herausgegeben van der GRUPPE SPUR als DEUTSCHE SEKTION der SITUATIONISTISCHEN INTERNATIONALE
Sturm * Prem * Fischer * Kunzelmann * Zimmer
- der SKANDINAVISCHEN SEKTION
Steffan Larsson * Asger Jorn * Jörgen Nash * Katja Lindell
- und der BELGISCHEN SEKTION
Maurice Wyckaert
- BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
Avantgarde ist unerwünscht! (Flugschrift der Situationistische Internationale) (München 1961). Pamphlet, distributed at the Münchener Kammerspiele and drawn up by the German Section (Lothar Fischer, Dieter Kunzelmann, Heimrad Prem, Helmut Sturm, Hans-Peter Zimmer), the Scandinavian Section (Asger Jorn, Stefan Larsson, Katja Lindell, Jørgen Nash) and Belgian Section (Maurice Wyckaert) (Internationale Situationniste : München 1961). Reprinted in Ein kultureller Putsch. Manifeste, Pamphlete und Provokationen der Gruppe SPUR. Kleine Bücherei für Hand und Kopf; 30 (Hamburg 1991) 45-46. Translated in English NotBored and Scandiavian Situationism. Translated in Danish for Copenhagen Free University.
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