Tracts and Manifestos
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    banner: (detail) Asger Jorn, Vive la révolution pasioné de l’intelligence créative, 1968 [Ceuleers & Van de Velde Booksellers, Antwerp]

Unsere Antwort

  • Der Herr Staatsanwalt hat uns die Verbreitung unzüchtiger und gotteslästerlicher Schriften zum Vorwurf gemacht und hält dies für strafwürdig. Der Sachverhalt, auf den die Anklage gestützt wird, ist willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen und es ist notwendig, diesen dem Gericht aufzuzeigen. Unser nicht-vorurteilsfreier Indikativ mancher Sätze, die das Gericht betreffen, wurde uns durch apodiktische Unterstellungen der Anklageschrift vorexerziert.
  • Die Zeremonielle der heutigen Gesellschaft dienen nur zur Aufrechterhaltung brüchig gewordener Selbstverständlichkeiten. Wir lehnen Spielregeln der Auseinandersetzung und Entscheidungsfindung ab, bei denen im Vorhinein der Inhalt der Entscheidungen festgelegt ist. Der demokratische Mensch ist doch nicht der Mensch, der den Zwang zur Unterdrückung van Handlungsimpulsen akzeptiert, sondern der Mensch, der mit anderen übereingekommen ist, verschieden zu sein in all seinen Lebensäußerungen. Wir sind nicht gewillt, das genormte Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Gruppen und ein facettenhaftes Gleichgewicht einer Gesellschaft anzuerkennen, deren Hauptaufgabe darin besteht, die Reaktion der Auflehnung zu kanalisieren, das enge Ventil der erlaubten Handlungen perfekt zu bedienen und jede menschliche Ausdrucksmöglichkeit zu absorbieren in einer von Konsum überdeckten Nichtpartizipation des Individuums. Das zum Ersticken enge Netz, mit panem und circenses schmeichelnd und lieblich lächelnd über die Gesellschaft gebreitet, zusammengesetzt aus den undurchdringlichen Maschen der Passivität, eines fast fehlerlos funktionierenden Absorbierungsmechanismus und der konditionierten Sicherheitsventile, suggeriert selbst den Opferspielenden noch eine Illusion der Rechtfertigung: Die Aufmerksamkeit einen Augenblick auf sein Schicksal gelenkt zu haben, gibt einem neue Kraft, um es mit Geduld weiter zu ertragen.
  • Das rationale sowie irrationale gesellschaftliche Bezugsystem früherer Zeiten, der sogenannte Set der "Primitiven", der Brauchtum, Volkskunst, Fest und Spiel in einer Vielfalt schöpferischer Aktivität integrierte, atomisierte sich in die pseudohafte Geschlossenheit von ideologischen Weltbildern - erkauft durch die Akzeptierung von Scheinwissen -, deren einziger Stolz ihre Blindheit gegenüber allen Interdependenzen ist. Durch die Krise, in die zunächst die religiösen Werte, dann die der Vernunft und der Zivilisation geraten sind, wächst der berechtigte Anspruch der Kunst, aus sich selbst heraus ein soziales Feld, das sich offen gegenüber den Erschütterungen der gesellschaftlichen Gesamtstruktur verhält, zu formulieren in bezug auf die experimentelle Neugestaltung einer Welt aus Überwindung der existierenden, die ihr Versagen hinreichend bewiesen hat. Insofern jeder fragmentarische Versuch auf dieses Ziel hin von den Institutionen, die einen veralteten Geist konservieren, in unserem christlich-demokratischen Staat verhindert wird, kommen wir nicht umhin auszusprechen, daß die Herrschaft der Religion, mit Namen Staat, Justiz, Christenturn, immer noch eine Religion der Herrschaft ist.
  • Wir wissen nicht, ob die Unkenntnis der künstlerischen Entwicklung durch die einseitigen Lehrmethoden der jüngsten Vergangenheit davor entschuldigt, eine klassische Ästhetik als maßgebend für die Justiz anzuwenden, während sich selbst der Horizont der universitären Kunstgeschichte auch im Nachkriegsdeutschland so geweitet hat, den antiklassischen Ausdruck anzuerkennen, wie er sich im Dadaismus und Surrealismus manifestierte und deren Auswirkungen auf das Leben der Gesellschaft noch nicht abgeschlossen sind. Doch was hilft selbst das Wissen um das zweckfremde Spiel des Denkens außerhalb jeder ästhetischen oder moralischen Voreingenommenheit, um die höhere Realität gewisser Assoziationsformen oder das Wissen um das Kunstwerk als einer irreduziblen Größe, was hilft all dies in einer Welt, deren Kulturkanon zu fest- gefahren ist, um diese Welt dem Chaos zurückgeben zu können. - aus ihr ein enthüllendes Bild aufsteigen zu lassen.
  • Mit Rechtsmaßstäben von gestern werden Problemstellungen von heute unterdrückt und das abgeschlossene System des Rechts versucht mit bürokratischer Pedanterie die Kunst, deren Wesen offen, experimentell und dynamisch ist, in ihre Determinologie einzuordnen. Diese Klassifizierung gelingt dem Recht durch die bewußte Mißachtung der Kunst in bezug auf ihre Ganzheit, ihre Ausdrucksfreiheit in Form der Groteske und des "schwarzen Humors". ihren Anspruch der Detournierung (der freien Verwendung und Austauschbarkeit aller durch die Auflösung bedingter freischwebender Werte) aller Erkenntnisse (Religionspsychologie, Soziologie, Biologie, Tiefenpsychologie, Pataphysik, vergleichende Ethnologie und andere Wissenschaften) und in bezug auf ihr Recht, das Ferment der Auflösung in einer stagnierenden Gesellschaft mit spielerischen Methoden des Suchens existenziell darzustellen. Unsere antiideologischen und antitendenziösen Texte sind viel schichtige Palimpseste, surrealdadaistisch überlagert und das Herauslesen von Eindeutigkeiten fällt auf den Leser zurück.
  • Die merkwürdige Übereinstimmung von Ost und West in den subtilen Mitteln der Unterdrückung nicht-unfaßbarer Elemente wird immer offensichtlicher, womit unsere Überzeugung bestätigt wird, daß der eiserne Vorhang doch vor allem dazu benützt wird, verlogene Alternativen zu stellen, damit die Grundproblematiken nicht diskutiert werden müssen. Die heutige Jugend durchschaut instinktiv banale Projektionen und spekulative Scheinalternativen.
  • Als Eingeweihte in die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Korrelationen wissen wir, daß "eine Strafe als solche keinen anderen Zweck hat, als einen Gesetzgeber zu befriedigen, der eine Strafe für nötig hält" *, und daß "Justiz im Staate mit Gerechtigkeit soviel zu schaffen hat wie Beischlaf im Bordell mit Liebe". ** Außerdem weigern wir uns entschieden, die Projektionsfläche für all diejenigen zu spielen, die unfähig sind, selbst zu revoltieren, die Objekte benötigen, um ihre auf Verwirklichung beharrenden negativen Inhalte auf uns übertragen zu können. Selbst die Erkenntnis, daß der Bereich der individuellen Freiheit bezüglich des privaten Denkens keine Grenzen kennt, hinsichtlich der öffentlichen Äußerungen von Meinungen diese Grenzen deutlich sichtbar werden, und in Anbetracht des tatsächlichen Verhaltens die Durchbrechung der Grenzen mit Irrenhaus, Gefängnis oder Heiligenschein der Illustriertenpublicity beantwortet wird, raubt uns nicht die Hoffnung, einen Ansatzpunkt in der Gesellschaft zu finden, dessen Anbohren einen lückenlos von Bürokratie und Formalismus gekitteten Überbau zum Einsturz bringt.
  • Wie kann Pornographie in einer Gesellschaft verurteilt werden, deren letzte Möglichkeit der Kommunikation und des Konsums auf eben dieser Ebene stattfindet, sublim und von den geheimen Verführern der Reklame ausgenützt? Was heißt Gott lästern in einer Gesellschaft, die den religiösen Trieb, der nur in Gott - der Idee dessen, was ich über-das-Menschliche-hinaus sein will und einer Idee, die in ihrer zehntausendjährigen menschlichen Entwicklung die Bedürftigkeit des Menschen, Gott zu sein, nicht erschöpft hat und seinen rechtmäßigen Anspruch, Gott zu werden, bis in den Himmel hat wachsen lassen - seine ekstatische Entspannung findet, durch neue Sozialenzykliken, durch einen Konjunkturgötzen oder durch Maschinentheologie masturbiert? Letztlich müssen wir den Esoterikern der heutigen Gesellschaft die Frage vorlegen: Erzeugt die Statik der formulierten Gesetze bewußt das Aufbäumen der Unzufriedenen oder werden diese wiederum bewußt erzeugt, um die anderen in der Lethargie verharren zu lassen? Vor all diesen grundsätzlichen Fragen steht heute dieses Gericht und eine nicht-existente Prägungsoffenheit fördert billige Meinungen, die morgen Dogmen sind.
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  • GRUPPE SPUR: Fischer / Kunzelmann / Prem / Sturm / Zimmer
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  • *  Strafbuch-Entwurf von Joh. Werthauer, herausgeg.: Liga für Menschenrechte, Berlin 1929
  • ** Erich Mühsam, FANAL, Jahrgang 4, S. 35


  • BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
    Unsere Antwort (Gruppe Spur : München 1961). Reprinted in Ein kultureller Putsch. Manifeste, Pamphlete und Provokationen der Gruppe SPUR. Kleine Bücherei für Hand und Kopf; 30 (Hamburg 1991) 51-55.
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