Zelte stehen da, grosse und kleine, Tippis, Katas oder „moderne“ Kuppelzelte. Kanus liegen am Ufer der Maas. Menschen mit Schwimwesten und Paddel laufen hin und her. Einige Kanus sind schon auf dem Wasser und streben einer kleinen Insel entgegen. Kein Zweifel, hier bin ich richtig am 8. Internationaal Kano Symposium. In den nächsten vier Tagen werde ich neue Paddel- und Outdoorbegeisterte kennenlernen, andere beim American Freestyle und Canadian Style Paddling beobachten können, mich mit ihnen austauschen und neue Tricks und Fertigkeiten von den Instruktoren aus England, den Niederlanden und Deutschland mit nach Hause nehmen können.
Paddelt man hinaus zur Insel, tut sich unvermutet ein Eingang auf und man befindet sich in einer kleinen, geschützten Arena. Während draussen der Wind kleine Wellen formt, ist es hier drinnen (fast) völlig ruhig. Am entfernteren Ende der Lagune ziehen die Tandem-Freestyler ihre Kreise. An diesem Ende haben sich ein paar Fahrer um Jörg Wagner, Freestyle und Style Paddling Instruktor aus Deutschland, geschart. Eben wird der Axel in seinen einzelnen Teilen geübt. Im American Freestyle besteht jedes Manöver aus fünf Teilelementen. Die hohe Kunst besteht also nicht nur in der Präzision der Paddelschläge, sondern auch im absoluten Gleichgewicht von Körper und Boot. Ein nistender Schwan lässt sich nicht stören, und hin und wieder ziehen Kanadische Wildgänse vorüber. Alle sind konzentriert bei der Arbeit, und wenn einer allzu verbissen wirkt, wird er von Jörg Wagner daran erinnert, dass Stolz, Perfektion und ein entspanntes oder gar lachendes Gesicht die Harmonie erst vollenden.
Die Stunden vergehen rasch, einzeln oder in kleinen Gruppen fahren wir Richtung Festland. Nur ein roter Bell Wildfire bleibt zurück und dreht seine Kreise.
Es hat heftig geregnet in der Nacht, aber der Morgen ist klar mit blauem Himmel. In diesen Auffahrtstagen wird das Wetter sehr wechselhaft bleiben: heftiger Regen wechselt ab mit strahlendem Sonnenschein. Entsprechend sind die Temperaturen, die am Sonntag mit einem kurzen Hagelschauer den Tiefpunkt erreichen. Leider stört auch oft der Wind den Tanz der Freestyler und Style Paddler, und auch die Flussfahrer, die auf einem Seitenkanal der Maas üben, finden nicht die optimalen Bedingungen. Aber Peter Seymour und Neil Fuller, die beiden Instruktoren der British Canoe Union (BCU, finden auch für ihre Gruppe etwas zum Arbeiten.
Es sind auffallend viele Bell-Canadier zu sehen, aber auch Tourenboote aller Marken und Grössen, Kajaks (wobei auffällt, dass die niederländischen Wildwasserboote kaum Kratzer aufweisen – was ja nicht wundert, alpine Flüsse gibt es bekanntlich nicht, dafür reiten sie auf den Meereswellen. Eines der beiden Holzboote, die Jörg Wagner mitgebracht hat, zieht besondere Bewunderung auf sich: Es ist das erste Kanu, das Hans-Georg Wagner, Bildhauer aus Cottbus, gebaut hat. Es ist nach den Aufzeichnungen von Adny & Chapelle entstanden und den Kanus der Tête-de-Boule-Indiandern nachgebaut (ohne einen einzigen Nagel aus Metall). Unter dem Logo „frame“ entstehen aber nicht nur Kanus, sondern auch Paddel. Keines ist ganz gleich in Form und Material, jedes ein Kunstwerk, darauf legt Wagner wert.
Canadian Style Paddling: Es steckt eine tiefe Philosophie dahinter. Und viel von der Liebe der Voyageure zu ihrer Arbeit und zu ihren Booten. Das Boot ist der Mittelpunkt. Es gibt keinen strengen Ablauf einer Übung, wie beim amerikanischen Freestyle. Ziel ist es, die grossen, breiten und schweren Arbeitsboote mühelos übers Wasser gleiten zu lassen. Was das Paddel dabei tut, ist nicht so wichtig, der Mensch noch weniger. „Es ist das intuitive Paddeln“, sagt Jörg Wagner dazu. Besonders wirkungsvoll ist es, wenn in der Gruppe gefahren wird: Trotz der Schwere der Boote hat es etwas enorm edles, wie sie aufeinander zufahren, sich Spitze an Spitze treffen, sich synchron miteinander verschieben um dann wieder auseinander zu gehen. Manch einer vergisst dabei die Schmerzen in den Knien in der für die meisten ungewohnten knienden Stellung. Erst wieder in einer Pause spürt man das Kribbeln der eingeschlafenen Beine.
Traditionell am Freitagabend gibt es ein grosses Buffet. Tudor Janssen, der Hühne mit den blonden Rastalocken, die seit sieben Jahren der Erde entgegenwachsen, hat mit seinen Helferinnen ein traumhaftes Menü zusammengestellt. Tomatensuppe, Salate, Hühnchen, die langsam am Holzspiess über dem Feuer garen, einen bunten Kartoffeleintopf und vieles mehr. Am späteren Abend dann findet ein weiterer Workshop, der auf dem Wunschzettel der Teilnehmer stand, statt: Karte, Kompass, GPS. Jan Orbons, freier Elektro-Ingenieur und vorher zehn Jahre als Navigator unterwegs auf einem Segelschiff, ein sehr zurückhaltender, ruhiger Mensch, ist in seinem Element und erklärt uns ausführlich die verschiedenen Kompasse und Navigationsmethoden.
Der Samstag wird buchstäblich vom Wind verweht. Auch in der Lagune kann nur geübt werden, was er zulässt. Und doch sind wir einigermassen geschützt, so dass wir vom aufkommenden Sturm nichts merken. Mark-Jan Dielemans, Organisator dieser Kanutage, ist in seinem Seakajak zu uns herübergepaddelt um uns zurückzuholen. Einige Boote beim Camp sind weggeweht worden und auch einigen Zelten droht das gleiche. Wir kämpfen uns durch die weissen Schaumkrönchen. Die Fliesswasserfahrer sind noch draussen, aber da tauchen sie doch alle heil und sicher an der Flussbiegung auf. Der Sturm scheint dafür die Regenwolken vertrieben zu haben. Der Himmel ist wieder klar, aber es ist auch deutlich kälter geworden.
Der Abend steht im Zeichen des Dutch Ovens, den schweren gusseisernen Töpfen, mit denen man mit wenig Energie garen und backen kann. Wie der Dutch Oven zu seinem Namen kam? – Deutsche Siedler brachten die Töpfe mit nach Amerika. Und weil „deutsch“ für die Amerikaner wie „dutch“ klang, bekamen sie eben diesen Namen. Jörg Wagner kreiert ein Gericht aus Kartoffeln, Paprika und zuvor kurz angebratenen Hühnchenschenkeln. Gewürzt wird das ganze mit Salz, Pfeffer, Anis, Thymian und einem kräftigen Schuss Ouzo. Die Sauce verfeinert er mit Ahornsirup. Tim Warkentin zaubert Hefeschnecken aus dem Topf, wie es kein Bäcker besser könnte. Susan Eefting backt in ihren Falkirks (aus Afrika, bei dem die drei „Beine“ etwas länger sind als beim Dutch Oven) Brot und einen Apfelkuchen. Dann gibt es da noch den Guisón aus Spanien, der innen emailliert ist, also noch weniger Energie braucht.
Der Wind hat seinen Spass gehabt, und die Maas ist ruhig und spiegelglatt. Einige paddeln noch einmal hinaus in die Nacht.
Am Sonntagvormittag wird noch einmal geübt. Regen wechselt ab mit Sonne und dem schon erwähnten Hagelschauer. Einige haben eine Vorführung einstudiert und zeigen sie dem Publikum, das mit hinaus in die Lagune gepaddelt ist. Damit endet das Kanu-Symposium, mit Solo- und Tandemfreestyle und einem Style Paddling Pas-de-deux.
Auch nächstes Jahr wird man hier wieder alte Freunde treffen und neue kennenlernen, Kanu-Experten aus Deutschland, den Niederlanden, Grossbritannien und vielleicht aus Amerika werden uns an ihrem Können beim Poling, dem Freestyle, Style Paddling und vielem mehr teilhaben lassen.