Islamic Kairo

Zbigniew Kosc im E-Werk Freiburg

Stefan Tolksdorf


Quo vadis?

Wir wissen nicht, wohin sie gehen, noch wer sie sind. Ihre Gesichter bleiben im Schatten. Würden ohnehin gleich eingehen in das Meer der Anonymität im Herzen der 10-Millionen-Stadt - wäre nicht die Spontaneität des Fotografen, der aus der Zufallsbegegnung Kunst macht: Ein vollkommenes Bild symmetrischer Gegenläufigkeit. Ein prototypisches Bild der Frau im Islam. Freilich ohne interpretatorische, wertende Absicht. Nicht mehr als ein Snapshot, der doch mehr ist als das: Ein Synonym.

Das Versprechen der Fotografie, worin besteht es:
Im Abbild der Wirklichkeit womöglich noch wahrer zu sein, als diese. Mehr abzulichten als die Oberfläche der Erscheinungswelt erlaubt.
Zeitgenössische Foto-Künstler, vor allem der „Becher-Schule“ haben diesem quasi metaphysischen, zumindest dokumentarischen Anspruch des Mediums eine klare Absage erteilt: Das Bild, auch das fotographische, als letztes Residuum des „Objektiven“, schafft erst Wirklichkeit.
Fern jeder Bild-Manipulation, fern aber auch jeden rein dokumentarischen Anspruchs geht der Pole Zbigniew Kosc einen dritten Weg.
Nennen wir ihn den Weg der Evokation.
Es geht ihm nicht um den nackten Befund, noch ist ihm das Foto bloßes Mittel.
Es geht ihm um Stimmung, Vergegenwärtigung.

Als ich ihn unlängst in seiner Wahlheimat Amsterdam besuchte, lernte ich einen Abenteurer und Grenzgänger kennen, dem es ein inneres Bedürfnis ist, sich dem Fremden vollends auszusetzen. Die Distanz von Reisebussen ist ihm ein Gräuel. Einen Reiseleiter hat er nie gebraucht. Zbigniew Kosc leitet seine Neugier und der Wunsch, im Fremden verborgene Seiten der eigenen Natur aufzuspüren, - sich zu spüren.

Dieses Gefühl des Mitten- drin- Seins vermittelt er an den Betrachter.
Es sind Situationen der Irritation, denn in der Sekunde der Wahrnehmung wähnt sich der Betrachter selbst registriert - von ein, zwei, allenfalls drei Augenpaaren.
Skeptisch, amüsiert, auch verärgert schauen sie ihm, uns ins Gesicht.
Was wird geschehen?
Gleich wird einer rufen - uns, ihn kenntlich machen, und ein Palaver wird anheben, von dem wir nicht wissen, wie es endet.
Zbigniew Kosc weiß es.
Nie sei ihm das Fotografieren, etwa in einer Hochzeitsgesellschaft, oder im Fleischbasar, zum Verhängnis geworden. Im Gegenteil. Am Ende der Geschichte, die auf seinen Bildern zu beginnen scheint, stand zumeist eine Einladung zum Tee.
Der Moment der Ungewissheit bleibt gleichwohl Teil seiner bildnerischen Strategie.
Stehende Bilder von Kairo - das ist fast eine Contradictio in adjecto, denn - wer einmal dort war, weiß es: Alles in dieser Stadt sperrt sich gegen Stillstand. Kairo ist Bewegung!
Indem er diesem Umstand Rechnung trägt, begeht Kosc abermals einen „dritten Weg“ - zwischen cineastischem Effekt und stehendem Bild.
Durch den so genannten Ken Burn effect tastet das bewegliche Auge gewissermaßen die Haut des Fotos ab, oder zoomt sich tief in es hinein - eine Simulation der Betrachterbewegung, während die Objekte der Wahrnehmung selbst ihren Standort wahren.
Und achten Sie auf die unterlegten Geräusche!
Ist es nicht so, dass wir sie intuitiv dem jeweiligen Bild angleichen, bis sie sich randscharf darauf beziehen?
Dabei ist die Lautkulisse noch unspezifischer als die dargestellten Szenen, die ihre Dignität erst beim Sortieren aus Tausenden ähnlicher Bilder gewinnen.

Nicht nur in der Auswahl liegt jedoch der spezifisch künstlerische Aspekt dieser Arbeit, auch nicht allein im Abpassen jenes Überraschungsmoments des gesehenen Beobachters. Auch die Perspektive ist zumeist ungewöhnlich.

Zbigniew Kosc rückt dem im Grunde unfassbaren Phänomen Kairo gern mit dem 140°- Winkel einer Panoramakamera zu Leibe, weitet also unser natürliches Blickfeld - was unsere Präsenz vor dem Fremden noch verstärkt. Wären nicht die Geräusche im Raum, wir würden sie unweigerlich imaginieren:
Das kehlige Arabisch feilschender Kunden und Händler, die Hackgeräusche unzähliger Messer und Beile im Fleischmarkt, den vorbei fließenden Verkehr vor dem Café, in dem -versunken in Zeitung, Wasserpfeife und ihren Träumereien die Männer sitzen - Mittelständler in westlicher Kleidung, oder halb vermummte Südägypter, die unser Orientklischee vortrefflich bedienen.

Wenn Kosc dasselbe Verfahren auf Stadtlandschaften anwendet, ist der Effekt Im Gegensatz zu den bewegten Straßenbildern eine fast meditative Ruhe.
Da geht der Wind über die Kante des Müll-behangenen Zitadellenbergs, und der Blick folgt der wehenden Dunstfahne über das Friedhofsareal - wo heute allein zwei Millionen Menschen in und an den Gräbern leben. Ein Hauch von 1001-Nacht um die Kuppeln der Kalifenmausoleen, kontrastiert mit den sich im Hintergrund auftürmenden Betongebirgen.

Dann der quadratische Hof der tausendjährigen El Hakim-Moschee - vom Minarett mit spitzem Einfallwinkel aufgenommen.
Fast liegt es im Wesen dieses Gebäudes, dass sich sein Erbauer, Kalif Hakim, schließlich als Asket in die Wüste zurückzog.
Es steckt etwas von diesem Drang auch in Kosc fotografischem Tagebuch - denn um ein solches handelt es sich meines Erachtens.
Ein Bekenntnis zur Stille, wie es sich insbesondere im Fotobuch „Athos“ ausdrückt, das Kosc vor zwei Jahrzehnten mit dem Zürcher Autor und Journalisten Jannis Zinniker geschaffen hat.
Eindringliche Blicke in eine geschlossene, zeitlose Männerwelt, uns vielleicht noch fremder, noch ferner als „Islamic Kairo“.

Auch hier zeigt sich Kosc Vorliebe für das Unspektakuläre ebenso wie für ungewohnte Perspektiven.
In Kairo demonstriert er beides im Hochformat einer Gasse - der Straße der Zeltmacher - wo sich die Arbeiter zum Freitagsgebet verneigen.
Neben dem rein formalen Reiz evoziert der Blick des Atheisten eben nicht fahle Uniformität, sondern jenen Respekt, der im Umgang mit dem je Fremden einzufordern ist. Ein Respekt, der sich den von Kosc Portraitierten, nach anfänglicher Skepsis, umgehend mitteilte, - den er auch den Betrachtern seiner Bilder abverlangt.

Mit unvoreingenommener Neugier sollen wir ihn begleiten, sollen mit ihm eintauchen in den brodelnden Kessel des islamischen Kairo, jene Stadt, die keine Zeit zu kennen scheint für Depression und Selbstmitleid, die pralle Gegenwart, purer elán vital ist. Und wir folgen ihm gern. Spüren vielleicht etwas von der Faszination, dem Flow dieses Ortes, der in der arabischen Welt nicht seinesgleichen hat.
Die Perforationsschatten am Bildrand - sie tilgen auch noch den letzten Rest von europäischem Exotismus. Für wohlfeile Sehnsucht „ex oriente lux“ ist hier kein Platz.

Ein Sprung nach Freiburg, ein Sprung in die Zeit.
Piotr Iwicki, seit frühen Schultagen mit Zbiniew Kosc befreundet, zeigt, quasi als Kontrast zu den gelassen undramatischen Bildern aus Ägyptens Hauptstadt, eine streng konzeptionelle Fotoarbeit, die sozusagen den bildexperimentellen Part des Mediums abdeckt.
Was ist zu sehen?
14 x 14 bewegte, bewegende Fotosequenzen, die um ein und dasselbe Thema kreisen: menschliche Gewalt.
Zum Inbild des vergewaltigten Menschen gerät, im Zentrum des Bildes, die Gestalt eines Schauspielers, den der Fotograf in verschiedenen Handlungssequenzen eines Freilufttheaters aufgenommen hat. In der Auswahl von 14 Fotos, vor allem aber durch den überspiegelten grünen Text, wird die Bühnenaktion zum Synonym für den leidenden Christus, genauer: für den Passionsweg mit den bekannten 14 Stationen.
Ein weiteres Element der Verfremdung: Um das Bild zu dekodieren, bzw. auf den gewünschten Kontext zu beziehen, muss der englische Text verstanden werden. Dann erst fällt auf: Ivicki berichtet über das vermeintliche Geschehen vor 2000 Jahren im Idiom moderner Presse-Agenturen - und aktualisiert es dadurch.
Die nahezu archetypischen Urbilder des Leidens, den den christlichen Mythos vom leidenden Gottessohn, rahmt Ivicki mit einer Leiste aus gleichfalls 14 Pressephotos. Grausame Momentaufnahmen aus verschiedenen aktuellen Krisenherden, die nur im Ausnahmefall in den Medien erscheinen durften - too shocking!
Auch sie kommentiert mit jener nüchtern verächtlichen News- Sprache, die das konkrete Ereignis förmlich einplaniert, das Bild aseptisch macht gegen Einfühlung, wie die blaue Tönung, die Iwicki über die Szenen gießt.
Das turnusmäßig gefeierte, jährlich neu betrauerte exemplarische, vermeintlich erlösende Leid steht in eklatantem Missverhältnis zum täglich Verdrängten, von den Medien in verdauliche Häppchen portionierte, sinnlose Leid in den Daily News.

Ins Zentrum aber gerät eben nicht die Dokumentation von absurder Gewalt, das Zentrum ist die Kunst, das heißt der kreative Prozess der Aneignung und Transformation. Vielleicht verbunden mit der Vorstellung, dass der Künstler uns eher und tiefer zu bewegen imstande ist, als je ein Journalist.

E WERK Freiburg 26.05.2006


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