Zbigniew Kosc PERM 1994
Perm cemetery (Russia) - photography by Zbigniew Kosc © 1994

PERM exhibitions

2008 Künstlerhaus Wien, Austria
1998 De Vishal Haarlem, Netherlands
1997 La Nuit de la Photo-Artamis Geneva, Switzerland
1997 Palais Jalta Frankfurt am Main, Germany

publications

PERM by Zbigniew Kosc, 2008, Amsterdam - Wien, book in duoton, 48 pages, print run 100, mail to z.kosc@chello.nl

see also exhibition catalog
'TRACES - Erinnerung in Fotografien', Künstlerhaus Wien - Edition Fotohof Salzburg, 2008, ISBN 978-3-902675-13-2
ISBN 978-3-900926--76-2

reviews and comments

 Fotografien sind Momentaufnahmen die etwas auf Dauer festhalten sollen. Aber auch sie sind vergänglich, wie die in rissigem, geborstenen Porzellan gerahmten Porträts auf dem Friedhof von Perm illustrieren. Perm ist eine Industriestadt im Ural, die Kosc als "groß, grau, arm und provinziell" beschreibt. Der seit Jahren stillgelegte Friedhof spiegelt die sowjetische Geschichte im 20. Jahrhundert. Obwohl die meisten alt waren, als sie begraben wurden, schmücken Fotos aus dem besten Lebensalter ihre Gräber. Diese Fotos - oft die einzigen, die es gab - prägten die Erinnerungen der Hinterbliebenen an die Verstorbenen, bis sie das Gewesene ganz überdeckten und selbst zur Realität wurden. Jetzt sterben die Erinnerten ein zweites Mal: Die Fotos zeigen unterschiedliche Stadien der Zerstörung. Kosc kontrastiert die Porzellanporträts mit Naturaufnahmen vom Friedhofsgelände und mit Texten aus alten Reisetagebüchern. Sein Interesse für alte Kulturen ist zugleich das Interesse für die eigene Herkunft und die Linien, die aus der Vergangenheit in die (ungewisse) Zukunft führen. Obwohl die Porzellanbilder Individuen zeigen, von denen man nur die Lebensdaten kennt, werden sie unter dem Blick des Fotografen in ihrer Zusammenschau zur kollektiven Erinnerung, die über Perm weit hinaus reicht. "Ich komme zwar aus Polen, aber ich kenne diese Menschen", sagt Kosc. Vielen Besuchern dürfen sie ebenfalls fremd und vertraut zugleich erscheinen.

Susanne Broos, Frankfurter Rundschau, nr. 155, 8 Juli 1997

Die Werke des polnischen Fotografen Zbigniew Kosc führen auf einen üppig bewachsenen Friedhof in russischen Industriestadt Perm am Ural. Hier sind es die Bilder von Toten, die an deren einstige Schönheit erinnern. In Emaillemedaillons sind die Bilder auf verfallen Grabsteinen angebracht und der Witterung ausgesetzt. Waehrenddessen wuchert die Natur um sie herum und macht wiederum die Vergänglichkeit einzelner Menschen deutlich, deren Grabbilder immer unkenntlicher werden. Kosc, der seine Arbeit als eine Form von Archäologie sieht, will Gesichter alter Kulturen bewahren, die in Perm angesiedelt sind. Das zerborstene Porzellan ihrer Grabbilder offenbart eine endgültige Wahrheit: die von Menschen, die einst in der Blüte ihres Lebens standen, wie auf den Bildern, die aber kurz vor ihrem Tod, alt, krank und vom harten Leben in der russischen Provinz gezeichnet waren. Wurde Perm einst von Tschechow als Motiv für sein Drama "Drei Schwestern" benutzt, so gleicht die Stadt nun einer Mondlandschaft, gezeichnet von Industrie und Arbeitslosigkeit.

Anke Hillebrecht, Frankfurter Neue Presse, nr. 153, 5 Juli 1997

Erinnern ist eine Tätigkeit, die mit vergangenen Bildern verbunden ist - nicht unbedingt mit Bildern von Vergangenem. Andere als visuelle Sinneneindrücke - ein Geruch, ein tastendes Spüren - lassen sich nicht erinnern, sondern eigentlich nur wiedererkennen, wenn sie erneut "wirklich" geworden sind. Insofern ist jede Erinnerung ein Bild und jedes Bild eine Erinnerung. Die Erinnerung vergangener Bild ist mit den Gefühlen besetzt, die das Abgebildete einst als Wirklichkeit hervorgerufen hat. Die Gefühle sind wirklich, wenn auch ihr Anlass nur noch in einem Bild liegt. Diese Differenz gibt einen Grund zur Trauer über das Vergangensein des Vergangenen. Aber eine Nostalgie, die nur solche Trauer über die Unwirklichkeit des Bildes ist, bleibt unkreativ und neigt zum Kitsch. Wenn Künstler sich vergangener Bilder annehmen, muss etwas Neues daraus entstehen. Andernfalls wäre ihre Arbeit nur die eines Archivars. Die Ausstellung zeigt Zbigniew Kosc bei seiner künstlerischen Erinnerungsarbeit. Dabei verwischt zunächst die Grenze zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem. Er wandert über einen Friedhof der Industriestadt Perm im Ural. Die Grabsteine zeigen die Fotografien der Begrabenen auf emaillenen Medaillons und andere Zeichen ihrer Herkunft aus muslimischen, jüdischen, orthodoxen Gruppen der Bevölkerung. Es ist ein Ort der Toten und zugleich ein stillgelegter, toter Ort, denn die letzten Toten wurden hier zu Beginn der 50er Jahre begraben. Seitdem ist der Ort sich selbst und der Natur überlassen. Das Bild auf dem Grabstein, das den Toten in Erinnerung halten wollte, ist im Bild der Ausstellung selbst schon vom Verfall gezeichnet.

Wolfgang Klotz, Palais Jalta, Frankfurt am Main, Juli 1997

Die Arbeiten, auf dieser Ausstellung bilden, sind Erinnerungsbilder - in mehrfacher und in besonderer Hinsicht. Zuallererst ist die Erinnerung selbst ihr eigentliches Thema: sie ist sowohl im Bild wie als Bild zugegen. Der aus Danzig stammende, im Westen lebende Zbigniew Kosc schaut auf Bilder von Toten. Im Perm, einer Stadt im Ural, hat er einen Friedhof gefunden, der seit den 50erJahren stillgelegt ist. Was er entdeckt, sind die in Porzellan gebrannten Porträts, die den Hinterbliebenen am Grab den Anblick der geliebten Person in Erinnerung rufen. Meist wurden von den Nachkommen Aufnahmen gewählt, auf dem der oder die Verstorbene besonders gut getroffen scheinen. Das sind jene Bilder, die man immer wieder gerne zur Hand nimmt. Doch nach und nach erlischt die Erinnerung an das Vor-Bild, schiebt sich die Fotografie vor die Wirklichkeit, um eine neue zu konstituieren. Wir kennen das: Wenn man nicht mehr weiß, wie jemand ausgesehen hat, als man ihm gegenübergetreten ist, sondern sich nur mehr an eine Fotografie erinnert, an die Haltung, die er darauf einnimmt, an die Miene, mit der er in die Kamera blickt. Der Augenscheinen, dem wir so sehr vertrauen, ist ebenso wandelbar wie Erinnerung. Aber auch die Abzüge verändern sich, verblassen, oder es löst sich die fotografische Schicht wie auf den Porzellanbildern, die Kosc aufgenommen hat. Noch erkennt man einzelne Gesichtszüge, doch bald werden nur mehr Konturen sichtbar sein, und schließlich ist das Bild verschwunden, und es bleibt bloß noch die Materialität der Unterlage, die ebenso unbestimmbar bleibt wie die Umgebung: das Blattwerk, die Büsche, der Waldboden auf den Aufnahmen, die der Fotograf neben die "gerinnenden" Porträts gesetzt hat. Was wir in dieser Ausstellung sehen, sind Bilder des Verfalls wie solche des Bestands, des Vergehenden wie des Bleibenden. Denn jede Fotografie bildet einen Moment ab, der unwiederbringlich vergangen ist. Damit weist sie ständig auf das, was gewesen ist, aber das Gewesene, das die Bilder vorführen, wird in der Betrachtung, in der Beschäftigung mit dem dargestellten Gegenstand, in seiner Thematisierung zu einem Entwurf von heute. Dies aber ist auch das Kenzeichen von Geschichte, die - ob im Kleid der Erzählung oder eines Bildes oder eines Dokuments - über sich hinausweist: auf jetzt und auf das, was sein wird.

Timm Starl, Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte. Beiträge und Ästhetik der Fotografie, Rede zur Eröffnung der Fotoausstellung, Juli 1997

mail to: z.kosc@chello.nl

PERM start page