Zbigniew Kosc PERM 1994
Perm cemetery (Russia) - photography by Zbigniew Kosc © 1994
Perm ist eine Industriestadt im Ural. Die ganze Stadt sieht ähnlich aus wie der Friedhof: Groß, grau, arm und provinziell. Der alte städtische Friedhof wird nicht mehr benutzt, die letzten Beerdigungen fanden Anfang der fünfziger Jahre statt. Niemand kommt mehr auf den Friedhof, um Gräber zu besuchen oder zu pflegen. Die Portraits auf den Grabsteinen zeigen keine großen Helden oder bedeutende Persönlichkeiten. Es sind die Gesichter gewöhnlicher Menschen: Russen, Juden und Tataren. In Doppelgräbern mit einem Stern und einem Kreuz ruhen Kommunisten mit ihren Ehefrauen, die dem orthodoxen Glauben treu geblieben waren. Wie Volksstämme hat jede Gruppe ihren eigenen Teil auf dem Friedhof, manche Grabstätten tragen Symbole, die ihre Bedeutung verloren haben und eines Tages vergessen sein werden.

Die Portraits sind unterschiedlich verblasst und verfallen: Sonne, Regen und Wind haben daran gezehrt, Menschenhände haben das Ihre getan und die Zeit hat, wie an allen Dingen auf der Welt, auch hier ihre Spuren hinterlassen. Die Zeit vergeht, und allmählich werden all diese Gesichter verschwinden. Was bleiben wird, sind Erde und Blätter. Die Menschen auf diesen Portraits werden ein zweites Mal sterben, diesmal für immer. Vorläufig aber gewährt ihnen die Fotografie auf dem Grabstein noch eine gewisse Existenz.

Der Friedhof in Perm ist ein Spiegel der dramatischen Geschichte, die Sowjetrussland im 20. Jahrhundert durchlebt hat: Revolution, Kollektivierung, Hungersnöte, Krieg und Wiederaufbau. Alle, die hier begraben sind, haben ihre eigene Rolle in diesem Drama der Geschichte gespielt, und die Grabsteine spiegeln einen Teil ihrer, wenn auch noch so kleinen, persönlichen Rolle in dieser Geschichte wieder. Ihr Leben war schwer, und sie arbeiteten hart. Die meisten waren am Ende ihres Lebens wahrscheinlich alt, krank und nicht mehr schön, aber es war ihr Wunsch oder der ihrer Angehörigen, für die Nachwelt ein Bild zu hinterlassen, das sie in der Blüte ihres Lebens zeigt. Für die Portraits nahm man die besten Fotografien, damit sie für die Besucher ihrer Gräber, für uns, jung und schön bleiben konnten.

Jetzt, über ein halbes Jahrhundert nachdem diese Grabsteine errichtet wurden, offenbart sich uns in dem rissigen, geborstenen Porzellan eine endgültige Wahrheit. Der unschuldige Provinzcharme der Fotografien erscheint wie eine Tarnung. Wir sehen Gespenster statt der Menschen, die einst lebendig waren, die ausgekratzten Augen von Bauern, Soldaten ohne Gesicht, verstümmelte Kinder, die zertrümmerten Schädel jüdischer Lehrer, die gepeinigte Schönheit von Frauen. Wir bemerken eine seltsame Symmetrie der wilden Pflanzen ringsum, ein letzter Kommentar zu all der Zerstörung: die Natur gleicht den Portraits.

Deutsch von Esther Kinsky


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PERM by Zbigniew Kosc, 2008, Amsterdam - Wien, book in duoton, 48 pages, print run 100, mail to z.kosc@chello.nl

exhibition catalog
'TRACES - Erinnerung in Fotografien', Künstlerhaus Wien - Edition Fotohof Salzburg, 2008, ISBN 978-3-902675-13-2
ISBN 978-3-900926--76-2

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